Medikamentenforschung an der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen, 1950–1990

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Thema

In den letzten Jahren haben verschiedene Medien von Medikamentenversuchen an der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen berichtet, ein breites öffentliches Interesse geweckt und gleichzeitig viele Fragen aufgeworfen. Im Raum steht der Vorwurf, der Psychiater Roland Kuhn habe ab den 1950er Jahren an zahlreichen Münsterlinger PatientInnen Prüfsubstanzen getestet. Der Umfang, der Ablauf und die Umstände der Versuche blieben allerdings weitgehend unklar.


Seit Frühling 2016 untersucht ein Team von fünf HistorikerInnen unter der Leitung von PD Dr. Marietta Meier die Psychopharmakaforschung der Klinik Münsterlingen. Es arbeitet mit einem interdisziplinären Expertenteam zusammen; finanziert wird das Projekt vom Kanton Thurgau. Im Zentrum stehen Fragen nach dem Setting, in dem die Prüfungen stattfanden: Welche Personen und Institutionen waren daran beteiligt? Wie viele PatientInnen waren betroffen? In welchem Rahmen und nach welchen Mustern wurden die Prüfstoffe verabreicht? Ziel ist es, die Geschichte der Münsterlinger Forschungspraktiken aufzuarbeiten, zu kontextualisieren und historisch zu verorten.

Ansatz

Psychopharmaka stehen in einem Geflecht von sozialen Beziehungen: Akteure, die Wirkungen von Substanzen feststellen und beurteilen, sind – so die zentrale These des Projekts – nicht nur Ärzte und die Pharmaindustrie, sondern auch das Pflegepersonal, die Angehörigen, das lokale Setting der Klinik sowie die PatientInnen. Das Projekt untersucht die klinische Erforschung von Psychopharmaka in Münsterlingen deshalb als Verflechtungsgeschichte, die danach fragt, wie pharmazeutische Industrie und Klinik, Therapie und Forschung, Ärzte, Pflegepersonal, PatientInnen und Behörden, Diagnose, therapeutische Stoffe und deren Wirkungen miteinander interagierten und welche Akteure wann im Vordergrund standen.
Rekonstruiert wird dieses Zusammenspiel auf Basis eines breiten Quellenkorpus, das neben dem Nachlass Kuhn Krankengeschichten aus der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen, Akten aus der pharmazeutischen Industrie und weitere Quellen wie Fachpublikationen oder Presseartikel umfasst. Auf diese Weise wird es möglich, nicht nur die Dimensionen von Kuhns psychopharmakologischer Forschung abzustecken, sondern auch herauszuarbeiten, wie der vielschichtige Prozess des „Making sense of drugs“ genau ablief.

Medien

Meier Marietta, Forscherin, NZZ Geschichte Nr. 9, 2017, S. 104-106

„Die Ausmasse der Versuche sind weit grösser“, Interview von Simone Rau,
Tagesanzeiger, S. 3, 31.10.2016
 

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